10. Tag – Multikultifahrt


„Nichts funktioniert!“, schimpfte der Fahrer, nachdem er in Sönke einen des spanischen mächtigen und willigen Zuhörer gefunden hatte. Wir waren auf dem Weg nach Cienfuegos: Sönke vorne beim Fahrer und ich mit einem französischen Pärchen auf honeymoon hinten. Der Fahrer zog echt vom Leder.

Die Felder verfallen und Lebensmittel müssen importiert werden: Die Arbeiter erhalten keinen oder sehr wenig Lohn – ob sie nun arbeiten oder nicht. Also arbeiten sie nicht. Nachdem Kleinbauern der Anbau und Verkauf wieder erlaubt worden ist, wurde mindestens die größte Not gelindert. Die wenigen Märkte, die wir gesehen haben, waren auch wirklich klein.

Hier in Cienfuegos habem wir viele Leute vor den Geschäften Schlange stehen sehen: So, wie wohl damals in der DDR – es fehlt an allen Ecken und Enden. So schön die alten Autos auch sind – sie müssen auf Gedeih und Verderb laufen. Natürlich nicht mehr mit den Originalmotoren sondern Toyota und Co. werden darin fusioniert. Die Einfuhr neuer Autos ist nur für den Einsatz für Touristen-Leihwagen oder für den Funktionärsadel erlaubt. Manche sind halt gleicher als andere und bevor einige vom Volk mehr bekommen, erhalten alle lieber gar nichts. Mit dem Ergebnis, dass fahrbare Untersätze Mangelware sind. An allen Straßen sieht man Leute an den Fahrzeugen rumschrauben – irgendwie, irgendwie müssen sie laufen und laufen…

Für den Tourismus wird einiges erlaubt: Bringt ja Devisen. So ist es am ehesten in diesem Bereich zu etwas Wohlstand zu bringen, obgleich auch da der Staat mächtig abkassiert. Viele Leute haben zwei Jobs: Franzosen haben uns beispielsweise von einem Taxifahrer erzählt, der eigentlich Radiologe ist. Keine Seltenheit hier. Übrigens gibt es Touristen vorbehaltene Strände, die von Kubanern nicht aufgesucht werden dürfen – aber warum, das habe ich noch nicht verstanden.

Zwei positive Effekte konnte ich ausmachen: Die Hilfsbereitschaft in der Familie, unter Freunden und Kollegen ist enorm hoch – man könnte der Nächste sein, der Hilfe benötigt. Und es wird wenig weggeworfen: Alles, was noch reparabel ist, wird auch repariert. Das sind zwei Punkte, von denen wir uns in der westlichen Gesellschaft durchaus mehr gönnen könnten.

Während Sönke sich angeregt mit dem Fahrer austauschte, frischte ich mein französisch hinten auf der Rückbank auf: Ich habe es sogar geschafft Grünkohl als schleswig-holsteinische Spezialität zu erklären (während mir das mit Spätzle nicht so gut gelungen ist – grmmpf). Im Gegenzug habe ich bretonische Spezialitäten erlärt bekommen.

Nach insgesamt 5 1/2 h haben wir Cienfuegos erreicht und unser neues Casa gefunden. Empfangen wurden wir sehr freundlich von der 72jährigen Dame des Hauses, die uns unser Zimmer in dem 180 Jahre alten Haus. Ein Traum in flieder und Glitzertüll… Irgendwann tauchte auch der Herr des Hauses aus seinem Schaukelstuhl auf. Ach, die beiden sind schon süß! (A propos: Ich bin heute von Opa unseres vorigen Casas mit Handkuss verabschiedet worden – welch Grandezza!)

Wir haben noch einen Gang durch die Gemeinde gemacht und uns die vielen kolonialen Gebäude angesehen. Unter anderem waren wir in einem uralten Theater, in dem schon Caruso gesungen hat zu Cienfuegos besten Zeiten. Ansonsten sind üblicherweise die restaurierten Gebäude entweder staatlich oder Hotels: So schade, was hier an toller Bausubstanz verfällt. Wir wollten noch Geld holen, aber der Automat wollte nichts ausspucken: Entweder war der Automat leer oder die Leitung gestört – hoffen wir auf mehr Glück morgen. Nach ganz gutem Essen (bislang hat uns die kubanische Küche nicht so irre vom Hocker gehauen) haben wir noch den Sonnenuntergang in der Bucht genossen und sind dann wieder zurück.

Von unserer Wirtin sind wir tatsächlich noch mit einem Eis verwöhnt worden. Und Sönke hat zwei Kästen mit alten Fotos durchgesehen: Der Hausherr war in der Angolakrise 1978 als Soldat in Angola – ein echtes Stück Zeitgeschichte.