10. Tag – Holz und Stoff


Noch vor den großen Touristenmasssen haben wir den Tag etwas außerhalb von Myanmar an der U Bein – Brücke gestartet. Mit 1200m ist sie die längste Teakholzbrücke der Welt. Selbstverständlich sind wir auf die andere Seite gelaufen und haben dabei die schöne Stimmung am Wasser genossen. Auf den Feldern haben die Bauern ihren Reis gepflegt, am Ufer waren unzählig viele Laufenten unterwegs und die Fischer haben ihre Netze auf dem See ausgeworfen.

Auf der anderen Seite wollten wir zu einer Pagode und sind dabei an einer Weberei vorbeigelaufen. Vom Garn spinnen bis hin zum fertigen Longyi, dem traditionellen Rock für Mann und Frau, wird dort alles in Handarbeit hergestellt. Bei der Gelegenheit haben wir zugeschlagen: Jeder von uns Dreien ist nun damit ausgestattet. Tja, fragt sich nur, wie man das Teil anzieht… Der Longyi der Frauen ist eigentlich nur ein langes Stück Stoff, welches um den Bauch gewickelt, dann der restliche Teil doppelt gefaltet und das Ende in der Taille festgesteckt wird. Das konnten mir die Damen des Betriebes leicht zeigen – ich allerdings hatte hier im Hotel doch etwas Schwierigkeiten, das genauso fest zu stecken wie sie. Ungern würde ich beim Tragen des Longyis im Freien stehen wollen …

Dann waren die Jungs an der Reihe: Der Longyi der Männer ist an der schmalen Seite der Stoffbahn quais als Schlauch zusammengenäht. Na, da haben sich die Damen doch etwas geniert und einen Mann gerufen. Bei Kevin hat er das recht leicht hingebracht, bei Sönke hat er sich aber doch etwas anstrengen müssen. Es war jedenfalls mit viel Lachen verbunden, bis auch dieser Longyi fest saß. Sieht gar nicht so übel aus!

Mit unseren drei neuen Longyis im Rucksack sind wir weiter zur Pagode gezogen, aber die war nicht so dolle. So sind wir über die Brücke wieder zurück und haben uns zu einer Cola-Pause in eines der Lokale hingesetzt, mit schönem Blick auf die Brücke. Und nun kam ein Bus nach dem anderen und die Brücke füllte sich zusehends: Dass die das aushält!

Wir sind wieder aufgebrochen, um einen Tempel mit einer ganz großen sitzenden und einer liegenden Buddhastatue anzusehen. Das Blöde an diesen Riesenfiguren ist immer, dass man sie nicht ganz aufs Bild bekommt (und weiter weg gehen funktionert meistens auch nicht). Bei den beiden Figuren war noch eine Halle, in der in jeder Ecke eine Buddhafigur stand. Mir ist noch nicht so ganz klar, weshalb so viele Figuren aufgestellt werden. Das ist, als ob man in einer katholischen Kirche 1000 Marienstatuen aufstellen würde. Aber gut.

Unser Weg führte weiter durch Aramapura, dem Zentrum für die Herstellung von Stoffen in Myanmar. Überall rechts und links in den kleinen Hütten klappern die Webstühle der Baumwoll- und Seidenwebereien. Nach einem Abstecher über einen chinesischen Tempel (da wurde gerade chinesisches Neujahr gefeiert) und einer Pagode – nicht so dolle – gelangten wir wieder zurück an die Hauptstraße nach Mandalay.

Wir stöhnten schon etwas über das lange Laufen, da schrie jemand und ein Bus hielt hupend neben uns. Sönke erfasste die Situation am schnellsten – und ja, wir wollten mitfahren! Aus unserer Sicht wäre der Bus eigentlich voll gewesen, aber die myanmarische Sichtweise ist da deutlich anders: Sönke wurde als Erster hineingeschoben, Kevin gleich hinterher und ich hatte einen ganz besonderen Platz. Nämlich auf der untersten Stufe der Einstiegstür, die während der Fahrt offen blieb. Und der „Schreier“ von vorhin hängte sich noch hinter mich. Er war auch der Grund, weshalb dieser Bus ein echter Expressbus war: Halb außen hängend schrie er den Gegenverkehr von der Fahrbahn, mit einer freien Hand wild gestikulierend (es klang so ähnlich wie „Jippieiey, Schweinebacke!“). Der Busfahrer unterstützte ihn kräftig mit ordentlichem Hupen und brauste wie verrückt los. Die Mönche, die bei uns im Bus mitfuhren und auch der Busfahrer bemerkten meine immer größer werden Augen und lachten sich kaputt – während ich nur hoffte, dass die zwei rostigen Schrauben des Griffs, an dem ich mich festhielt, halten würden.

Genau an der Ecke, an der wir ohnehin aussteigen wollten, hielt der Bus. Holla, puh, geschafft! Wir waren an der Ecke vor der Mahamuni-Pagode ausgestiegen: Dort sind ganz viele Steinmetzbetriebe angesiedelt, die Buddhastatuen, Löwen, Tafeln, Säulen, etc. aus Marmor herstellen. Ohne Mund- und Nasenschutz wird gearbeitet: Da sind die Staublungen vorprogrammiert. Und schon die Kinder helfen mit … Zudem gibt es noch Blechnereien, die goldene Hähne und Kronen für Stupatürmchen herstellen.

Über einen langen überdachten Gang mit vielen kleinen Lädchen, die allerlei Devotionalien, Souvenirs und Kunsthandwerk anbieten, gelangten wir in die Mahamuni-Pagode. Sie ist eines der drei Hauptpilgerziele in Myanmar: Die Mahamuni-Statue ist die meistverehrteste Figur. Sie ist aus Bronze, aber wird von den Pilgern mit Blattgold bedeckt – die Hände haben schon gar keine Form mehr. Bis zu 50 cm dick soll die Goldschicht schon sein und mehrere Tonnen an Gewicht bringen. Auf der Stirn trägt die Figur mehr Rubine, Sahire und Diamanten als jedes andere gekrönte Haupt der Welt. Gleich am Eingang sprach uns ein Mönch an und wollte uns unbedingt die Pagode zeigen. Sönke hat sich lieber in den Schatten gesetzt und so mussten Kevin und ich uns durch die Pagode führen lassen, verständnisvoll nickend und hoffentlich an den richtigen Stellen lachend – das Englisch des Mönchs war kaum zu verstehen. Als Höhepunkt führte er uns zur Statue: Die Frauen dürfen da nicht direkt ran, so dass ich von etwas weiter weg fotografiert habe. Kevin ist noch etwas näher herangekommen, war aber auch relativ flott wieder da. Wir wollten uns an dieser Stelle zurückhalten und nicht die Gläubigen stören, die dort sehr innig gebetet haben. Unser Mönch war irgendwie verschwunden – aber so ganz unrecht war uns das ehrlicherweise nicht. So haben wir Sönke von seinem schattigen Plätzchen aufgescheucht und sind wieder nach draußen. Ein Taxi war flott gefunden und es ging zurück ins Hotel. Meine Jungs hatten für heute genug – noch Abend essen, aber mehr nicht – und schon gar keine Pagode!