Angeblich hat Sönkes Wecker heute morgen geklingelt – aber erst Kirstens Klopfen an unserer Tür hat Sönke und mich aus dem Bett geholt. Da wir sozusagen „Innenkabine“ in unserem Hotel haben, haben wir es auch nicht an der Helligkeit gemerkt, dass es schon allerhöchste Zeit zum Aufstehen war. Also zackzack in die Klamotten und los.
Wir hatten uns mit Jesko ein paar U-Bahn-Stationen weiter zum Frühstück verabredet. Er führte uns zu einem Lokal, das er bereits mit einem Einheimischen besucht hatte. Es gab eine Schüssel heiße Sojamilch: In diese wurde ein Schmalzgebäck eingetunkt und dann gegessen bzw. die Sojamilch getrunken. Dazu hatten wir gefüllte Baozi: Gedämpfte Teigklößchen. Einen Kaffee hätte ich schon gut gebrauchen können, so als Jetlag-Vertreiber: Aber mein Kreislauf ist dann anders in Schwung gekommen.
Unsere erste Aktivität heute war, dass wir den Elefantenberg erklommen haben: Die Stufen dort hinauf haben uns schon ins Schnaufen kommen lassen. Aber wir wurden mit tollen Ausblicken insbesondere auf den One-O-One, das ehemals höchste Gebäude der Welt mit 508 m (bis 2007). Aber auch die Aussicht über das riesige Häusermeer war toll. Taipeh ergießt sich von den Bergen bis zum Meer. Eng an die Berge herangebaut ist die Grenze zwischen Urwald und „Steinwüste“ sehr hart und unmittelbar. Ist man im Wald, dann scheint die Stadt auf einmal fast fern. Bromelien, Schmetterlinge und Pflanzen, die bei uns sonst auf dem Fensterbrett stehen – wunderschön grün.
Wieder unten, sind wir zum Ono-O-One rübergelaufen. Dort sind wir mit dem bis vor wenigen Jahren schnellsten Aufzug der Welt bis zum 89. Stock hochgedüst: Aussteigen und beindruckt sein ging nahtlos ineinander über. Eine grandiose Aussicht: Die Berge rundherum, zwischendrin die Stadt, Autobahnen auf hohen Stelzen, der Fluss und vieles mehr …
Dann konnte man noch eine riesige Kugel aus Stahlplatten anschauen, die an Stahlseilen mitten im Gebäude aufgehängt war. Sie ist ein Dämpfer, die die Schwingungen des Gebäudes bei Erdbeben oder starken Winden zu 40% abfängt. Es wurden Videos gezeigt, was für Ausschläge sie bei einem Taifun einmal hatte: Da wäre ich nicht so gerne oben gewesen …
Wie haben uns zur nächsten Station aufgemacht: Der Chiang Kai Shek-Gedächtnishalle. Monumental, wie sich das für einen hohen Staatsmann mit ordentlichem Selbst- und Machtbewusstsein gehört. Wir sind gerade zur Wachablösung gekommen: Vermutlich lasse ich es an gebotener Ernsthaftigkeit vermissen – aber diese gestelzten kommischen Schrittfolgen mit mal Fuß in der Luft halten und Aufstampfen sehen wirklich albern aus. Zwei der Kollegen mussten dann auf die Podeste links und rechts der Ching Kai Shek-Statue Aufstellung nehmen und in Schockstarre verfallen. Nicht ohne von einem Wachmann die Klamotten, Gewehr und Helm noch millimetergenau ausgerichtet und zurechtgezupft bekommen zu haben. Unter diesem Memorial gab es noch eine Ausstellung zu Chiang Kai Shek, aber da haben wir die Nasen nur kurz reingesteckt – so interessiert hat uns die Verklärung dieses doch einigermaßen umstrittenen Staatsmannes dann doch nicht.
Lieber sind wir dann mit der U-Bahn zum Long Shan-Tempel (Drachenberg-Tempel): Noch vom Neujahrsfest der Chinesen war der Vorhof geschmückt mit großen von innen beleuchteten Figuren. Zwar kitschig, aber in diesem Falle doch ganz nett anzusehen. Wir sind genau zur richtigen Zeit in den Tempel gekommen: Bei fast hypnotischen Nonnengesängen beteten dort viele Gläubige und zündeten ihre Räucherstäbchen an. Einige Leute saßen rund um den Innenhof: Sie hatten Bücher mit gefalteten Seiten auf Ihrem Schoß und sangen die Litanei mit. Eine sehr friedliche Stimmung. Die Taiwanesen – so modern sie auch sind – sind sehr abergläubisch und wissen, wie mit den Geistern umzugehen ist. Innerhalb vieler Familien gibt es ganz unterschiediche religiöse Ausrichtungen – man betet gerne auch mal in einem anderen Tempel mit: Schadet ja nichts … Bei wichtigen Fragen werden zwei kleine Holzhalbmonde auf den Boden geworfen: So, wie sie zueinander fallen, so geben die Mächte ihre Antwort.
Der Tempel an sich war wunderschön mit vielen großen Drachen auf den Dächern und kleinen zierlich geschnitzten Figuren. Im Hauptgebäude waren goldene
Figuren des Bodhisattva des Mitgefühls: Die hätte ich mir gerne näher angesehen, aber da saßen die Nonnen gerade davor und sangen. In den hinteren und seitlichen Räumen werden aber nach taiwanesischer Art mehr als 100 weiteren Göttinnen und Götter verehrt und um Rat und Beistand angefragt. Im Hof wurde ich von einer jungen Frau angesprochen: Da ich sie nicht verstand, verwies ich sie elegant an Jesko. Er hat dann eine ganze Einweisung in die religiösen Zeremonien und Riten erhalten – ob er wollte oder nicht.
Mittlerweile war es später Nachmittag geworden und wir verspürten langsam Hunger. Jesko hatte ein Nudelsuppenrestaurant mit guten Bewertungen gegoogelt und dort sind wird dann auch hin. Das Lokal ist bekannt für seine Rindfleich-Nudelsuppe: Zu Recht! Wir haben eine sehr leckere Suppe bekommen: Das Fleisch und die Nudeln fischt man mit den Stäbchen heraus, für die Suppe gibt es einen Löffel. Kirsten haderte anfangs noch etwas mit den Stäbchen – aber sie hat es dennoch mit Bravour gemeistert.
Auf dem Weg zum Hotel haben wir noch ein Must-have in Taiwan abgehakt: Bubble-Tea ist hier erfunden worden und das haben wir probiert. Jesko liebt das Zeug – aber mein favourite wird es nicht. Zurück im Hotel haben wir eine kleine Lagebesprechnung gemacht und unseren Plan reichlich umgeschmissen. Wir bleiben noch zwei weitere Nächte in Taipeh und werden dann nicht wie geplant im, sondern gegen den Uhrzeigersinn die Insel umrunden – also zuerst an die Westküste. So können wir noch länger zusammen mit Jesko reisen. Wir haben ja nicht fest gebucht, so ist es egal, ob links oder rechts herum.








